Shared Leadership: Geteilte Führung als Möglichkeit, Innovationsdruck und Komplexität zu begegnen

Die Anforderungen an Führungskräfte verändern sich laufend. Eine Person allein kann niemals alles nötige Wissen und ausreichend Ressourcen vereinen, um der herrschenden Dynamik gerecht zu werden. Eine Antwort kann Shared Leadership sein.

AutorChristopher Schneider
Datum26.04.2019
Lesezeit6 Minuten

Globalisierung, permanente Veränderungen und Komplexität führen zu sich verändernden Anforderungen an Führungskräfte. Projektbezogene Arbeit, wechselnde Arbeitsaufträge, abteilungsübergreifende Projekte sowie stetige Vernetzung in alle Richtungen prägen viele Organisationen, insbesondere Wissensarbeiter. Die dadurch steigende Komplexität erschwert die Zusammenarbeit mit gewohnten Konzepten, und herkömmliche Führungsinstrumente gelangen immer stärker an ihre Grenzen.

Die Konzentration auf eine einzige Leitungsperson für ein Team im Sinne der vertikalen Arbeitsorganisation gerät unter diesen Umständen unter Druck, und Hierarchien werden aufgeweicht. Je unbeständiger das Umfeld, umso wichtiger werden flexiblere Strukturen und Zusammenarbeitsformen. Dies wirkt sich auch auf das Führungsverhalten aus. Entscheidungen müssen schnell getroffen, Anpassungen im Team vorgenommen werden.

Eine einzige Person vereint selten alles nötige Wissen und ausreichend Ressourcen, um Dynamiken in Umwelt und Team zu erfassen und situationsgerecht angemessene Entscheidungen zu treffen.

Geteilte Führung als Kombination

Eine mögliche Antwort auf diese Entwicklung ist geteilte Führung, auch Shared Leadership genannt. Geteilte Führung bedeutet die Verteilung von Führungsaufgaben auf mehrere Personen, die nicht unbedingt höher in der Unternehmenshierarchie sein müssen als ihre Teammitglieder. Shared Leadership ist kein isoliertes Führungskonzept, sondern wird häufig kombiniert mit Ideen aus den Führungskonzepten Management by Exception, Management by Objectives, Transformationale Führung sowie Partizipative Führung.

Wichtige Merkmale geteilter Führung sind:

  • Führungsverantwortung ist verteilt auf mehrere Personen
  • Führung wird betrachtet als wechselseitige Einflussnahme innerhalb des Teams
  • Vielfalt der Teammitglieder und Teamleiter wird als Vorteil bei der Suche nach innovativen Lösungen angesehen
  • Je nach Situation und Anforderungen können Teammitglieder eine bestimmte Führungsverantwortung übernehmen
  • Teams besitzen eine gemeinsame Vision sowie geteilte Ziele
  • Führungskräfte koordinieren Vielfalt im Team, motivieren und inspirieren, damit möglichst gute Lösungen gefunden werden können

Geteilte Führung ermöglicht bessere Ergebnisse

Shared Leadership funktioniert eher für komplexe Aufgaben, heterogen zusammengesetzte Teams sowie bei Innovationsdruck.

Geteilte Führung wird damit zu einem kollaborativen und kollektiven Prozess und verspricht verbesserte Problemlösungsqualität, effizientere Entscheidungsprozesse sowie innovativere Ergebnisse.

Gerade weil Teammitglieder mehr Mitsprache erhalten und ihre vielfältigen Fähigkeiten in komplexen Fragestellungen verstärkt einsetzen dürfen, sind diese häufig auch zufriedener und identifizieren sich mehr mit dem Team. Die unterschiedlichen Kompetenzen und Erfahrungen stellen eine Führungsressource dar. Shared Leadership bedeutet damit auch, dass Mitarbeitende stärker in den Vordergrund treten dürfen, weil sie in ihrem Fachgebiet eher Spezialisten sind als die Führungsperson. Sie ist zwar formal weiterhin verantwortlich für die finalen Arbeitsergebnisse, nimmt sich in der Detailarbeit aber zurück, vertraut auf das tiefe Wissen der Teammitglieder und fördert deren Leistungsbereitschaft.

Rahmenbedingungen Match-entscheidend

Doch geteilte Führung birgt auch Risiken. Zwar lässt sich mit ihr Komplexität meistens besser begegnen. Doch kann durch die kollektiven Prozesse die Komplexität selbst noch zunehmen. Deshalb erhält die Ausgestaltung der Zusammenarbeit einen besonderen Stellenwert, und

die Zusammensetzung des Teams sowie die Strukturierung der Kommunikation bilden wichtige Rahmenbedingungen.

Neben der Auswahl der richtigen Teammitglieder sowie sinnhafter Kommunikationsprozesse müssen sich die bestehenden Teammitglieder regelmässig weiterentwickeln dürfen. Es ist offensichtlich, dass geteilte Führung ohne Vertrauen nicht funktionieren kann, weshalb formale Führungspersonen vor allem ihre Teammitglieder darin bestärken sollen, partielle Führungsverantwortung zu übernehmen. Schliesslich ist erfolgreiche Shared Leadership nur in einer entsprechenden Organisationskultur möglich. Diese muss den konstruktiven Diskurs auch «nach oben» zulassen und grosses Vertrauen der formellen Führungspersonen in die kreative Problemlösungsfähigkeit jedes Einzelnen beweisen.

Co-Existenz von Tradition und Moderne

Shared-Leadership-Modelle können tatsächlich neben bekannten Führungsmodellen existieren und herkömmliche Führungskonzepte ergänzen, wenn Arbeitsinhalte und Innovationsdruck danach verlangen. Geteilte Führung stellt damit immer eine Erweiterung des bestehenden Führungs-Mindsets dar und kann – richtig eingesetzt – eine leistungssteigernde und motivierende Wirkung haben.


Über den Autor

Christopher Schneider

Christopher Schneider verfügt über grosse Erfahrung als Berater, Coach, Dozent und Trainer. Er arbeitet als Senior Berater und Coach im Bereich der Organisationsentwicklung in Bern, spielt seit Jahren Improvisationstheater und steht regelmässig auf öffentlichen Bühnen. Seit einiger Zeit setzt er in seiner Arbeit als Coach und Entwickler neben bewährten Tools und Techniken vermehrt auch auf Theater-Elemente, um unbewusste Potenziale in Teams spielerisch sichtbar zu machen.