Praktische Umsetzung des Business Agility Manifesto

Im Zeitalter der digitalen Transformation, von Big Data, künstlicher Intelligenz, Blockchain und Smart Contracts sind Unternehmen immer heftiger Einflüssen ausgesetzt, auf die sie ganzheitlich und agil reagieren müssen. Das Business Agility Manifesto zeigt, was notwendig ist, um ein Unternehmen von innen heraus agil zu machen.

AutorMarkus Schacher
Datum16.02.2018
Lesezeit8 Minuten

Im Zeitalter der digitalen Transformation, von Big Data, künstlicher Intelligenz, Blockchain und Smart Contracts sind Unternehmen immer heftiger Einflüssen ausgesetzt, auf die sie ganzheitlich und agil reagieren müssen. Unternehmer, Strategie- und Produktverantwortliche müssen das «Big Picture» des Marktes sehen und verstehen, damit sie ihr Geschäft rasch, konsistent und gesetzeskonform neu ausrichten können. Die agile Entwicklung von IT-Systemen reicht dafür nicht aus, da dies zu Inkonsistenzen im Geschäft sowie zu hohen Reibungsverlusten führen kann. Das Business Agility Manifesto zeigt, was notwendig ist, um ein Unternehmen von innen heraus agil zu machen.

Mit John Zachman, Ron Ross und Roger Burlton sind am 15. März drei international renommierte Gurus auf den Gebieten Unternehmensarchitektur, Geschäftsregeln und Geschäftsprozesse auf Initiative von KnowGravity bei Digicomp zu Gast. Sie haben im letzten Jahr gemeinsam das Business Agility Manifesto (kurz «BAM») formuliert und stellen uns dieses an einem exklusiven Anlass vor. Mehr Infos zum Event «BAM! Business Agility Manifesto» vom 15. März in Zürich.

Das Business Agility Manifesto

Das Business Agility Manifesto postuliert eine Reihe von Prinzipien, die für ein Unternehmen, das sich in einem sich stetig wandelnden Umfeld bewegt, unumgänglich sind. Etwas verkürzt lassen sich diese Prinzipien wie folgt zusammenfassen:

  1. Ein Unternehmen muss sich heute agil in seinem Umfeld bewegen und rasch auf Veränderungen reagieren können, dabei aber stets darauf bedacht sein, bestehende Wertschöpfungsketten nicht unnötig zu gefährden.
  2. Die schnellere Entwicklung von Software allein reicht nicht aus, um zu überleben oder gar zu wachsen – das in IT-Systemen enthaltene Geschäftswissen muss rasch neuen Gegebenheiten angepasst werden können.
  3. Investitionen eines Unternehmens lassen sich nur anhand der Wertschöpfung rechtfertigen, daher ist es essentiell, diese auf der Basis eines Wertschöpfungskettenmodells weiterzuentwickeln und zu optimieren.
  4. Die Aufgaben aller in einer Wertschöpfungskette eines Unternehmens beteiligten internen und externen Stakeholder müssen sich ausschliesslich am Kundennutzen und nicht an einer Organisationsstruktur orientieren.
  5. Geschäftswissen beinhaltet ein Konzeptmodell sowie alle Geschäftsregeln, die sich unabhängig von ihrem Automatisierungsgrad jederzeit lokalisieren, durchsetzen, modifizieren und wiederverwenden lassen.
  6. Geschäftswissen ist ein wichtiges Asset des Unternehmens und muss auch als solches behandelt und gepflegt werden. Zudem ist es in einer Form explizit zu machen, die allen relevanten Geschäftskreisen zugänglich ist.
  7. Eine Geschäftswissensbasis macht Geschäftswissen explizit, erlaubt Veränderungen einzuschätzen und bildet die Entscheidungsgrundlage zur Gestaltung von Produkten und Prozessen auf Geschäftsleitungs­ebene.
  8. Die Geschäftswissensbasis ist die «Single Source of Truth» für alle Informationen, die für den erfolgreichen Betrieb der Wertschöpfungsketten erforderlich sind und ist stets den aktuellen Erfordernissen anzupassen.
  9. Konsistentes Verhalten durch wiederholbare operative Entscheide auf der Basis von Geschäftsregeln sichert die Geschäftsintegrität, erhöht die Glaubwürdigkeit und vermeidet negative rechtliche Konsequenzen.
  10. Die konsequente Nutzung und Pflege von explizitem Geschäftswissen ist eine Geschäftsstrategie, die heute unverzichtbar ist, um Wettbewerbsvorteile zu sichern.

Zusammengefasst geht es um die Rekonfigurationsfähigkeit des gesamten Unternehmens, basierend auf explizitem Geschäftswissen, damit es sich angesichts des heutigen Innovations- und Veränderungstempos auf dem Markt behaupten kann.

Model Driven Enterprise Engineering™ (MDEE)

Wenn ein Unternehmen schnell auf Veränderungen in seinem Umfeld reagieren und neue Chancen nutzen will, muss es seinen gegenwärtigen Stand kennen. «Model Driven Enterprise Engineering™ (MDEE)» ist ein umfassendes Framework zur Geschäfts- und Technologie-Modellierung, basierend auf öffentlich zugängigen Spezifikationen der Object Management Group (OMG). Es ermöglicht die Formulierung von Geschäftswissen und damit das integrierte Management einer Unternehmensarchitektur im gesamten Spektrum zwischen Unternehmensstrategie und detaillierten technischen Aspekten – es schafft also eine wichtige Grundlage für die Beurteilung und Entwicklung der Rekonfigurationsfähigkeit eines Unternehmens.

Abbildung: Model Driven Enterprise Engineering™

 

In obiger Abbildung sind die folgenden zentralen Eigenschaften des MDEE-Frameworks direkt ersichtlich:

  • Die Unterscheidung zwischen Informationen über das Geschäft und Informationen über Technologie, die dieses Geschäft unterstützt, fördert eine bewusste Trennung von fachlichem Zweck und technologischen Mitteln.
  • Die klare Trennung zwischen Aufgabenstellung («Was?») und Lösungsbeschreibung («Wie?») – sowohl auf der Ebene des Geschäfts als auch auf der Ebene der Technologie – ermöglicht sowohl die Wiederverwendbarkeit von Geschäftsmodellen und Lösungsansätzen als auch unterschiedliche Änderungshäufigkeiten.
  • Das Requirements Engineering spielt eine zentrale Rolle zwischen Geschäfts- und Technologiewissen und unterstützt so ein nahtloses und adaptives Business-IT-Alignment.
  • Mit dem zu den anderen Modellen orthogonalen «Management-Modell» werden Veränderungen im Unternehmen explizit unterstützt sowie effizient und steuerbar gemacht.

Das MDEE-Framework als Treiber für Unternehmensagilität

Wie lässt sich nun MDEE nutzen, um die im Business Agility Manifesto geforderte Agilität eines Unternehmens zu erreichen? Dazu sollen die folgenden Beispiele als Denkanstösse dienen:

  • Mit Hilfe des «Business Motivation Models (BMM)» lassen sich Strategien und Taktiken aus Zielen, Veränderungen an internen und externen Einflussfaktoren sowie deren Einschätzungen systematisch erarbeiten und daraus Richtlinien und Weisungen formulieren. Zudem lassen sich hier diejenigen Business Capabilities identifizieren, die zur Umsetzung der formulierten Strategien und Techniken unbedingt erforderlich sind. [Unterstützung der Prinzipien 1 und 10]
  • Mittels «Semantics of Business Vocabulary and Business Rules (SBVR)» lassen sich unmissverständliche Fachterminologien für alle relevanten Stakeholder als Grundlage des Geschäftswissens definieren und darauf aufbauend Geschäftsregeln formulieren, die wiederum Richtlinien und Weisungen konkretisieren. [Unterstützung der Prinzipien 5 und 6]
  • Unter Verwendung der «Business Process Model and Notation (BPMN)» und der «Value Delivery Modeling Language (VDML)» lassen sich Wertschöpfungsketten beschreiben sowie Prozesse für die Bereitstellung der erforderlichen Business Capabilities gestalten. Darauf aufbauend lassen sich danach organisatorische Verantwortlichkeiten so definieren, dass sie die Wertschöpfungsketten optimal unterstützen. [Unterstützung der Prinzipien 3 und 4]
  • Unter Nutzung der «Systems Modeling Language (SysML)» lassen sich Anforderungen an technische Lösungen direkt aus verschiedensten Geschäftsaspekten ableiten und in diesen verankern. Durch die klare Festlegung von Systemgrenzen lassen sich zudem Überschneidungen und Inkonsistenzen in Funktionalitäten vermeiden. [Unterstützung der Prinzipien 2 und 9]
  • Das hinter dem MDEE-Framework stehende Metamodell lässt sich hervorragend als Grundlage für ein Enterprise Repository zur Inventarisierung wichtiger Unternehmensinformationen für die Formulierung und Steuerung einer Unternehmensarchitektur nutzen. [Unterstützung der Prinzipien 7 und 8]

Zusammenfassung

Mit Model Driven Enterprise Engineering steht ein ganzheitliches methodisches Framework zur Verfügung, das die praktische und schlanke Umsetzung der im Business Agility Manifesto postulierten Prinzipien ermöglicht. Die Umsetzung dieser Prinzipien erfordert keinesfalls einen riesigen Initialaufwand: MDEE ist eine ganzheitliche Vision, die sich bedarfsgerecht in kleinen Schritten anstreben lässt.


Teilnehmer des BAM-Events vom 15. März 2018 können kostenlos an einem Assessment teilnehmen, das die für sie spezifischen nächsten Schritte in Richtung Unternehmensagilität aufzeigt. Beginnen Sie noch heute mit den ersten kleinen Schritten, um auch in Ihrem Unternehmen eine grosse Vision umzusetzen!


 

«Model Drive Enterprise Engineering (MDEE)» bildet unter anderem die Grundlage des Kurses «Architektur-Management (AMA)» sowie des CAS-Lehrgangs «IT-Architecture (4A1)» der Digicomp, mit CAS, verliehen von der Hochschule für Wirtschaft Zürich HWZ.

Über den Autor

Markus Schacher

Markus Schacher ist Mitbegründer und KnowBody von KnowGravity Inc., einem Beratungsunternehmen mit Sitz in Zürich (Schweiz), welches sich auf modellbasiertes Engineering spezialisiert hat. Als Trainer (unter anderem auch bei Digicomp) hat Markus bereits 1997 die ersten öffentlichen UML-Kurse in der Schweiz durchgeführt und hat als Berater vielen grossen Projekten geholfen, modellbasierte Techniken einzuführen und nutzbringend anzuwenden. Heute ist er als aktives Mitglied der Object Management Group (OMG) in die Entwicklung verschiedener Modellierungssprachen involviert und ist Ko-Autor dreier Bücher zu den Themen Geschäftsregeln, SysML sowie operationellen Risiken.