Big und Open Data – integraler und unterschätzter Bestandteil von «Mastering Digital Change»

Was Big Data mit Open Data zu tun hat und warum das Thema integraler Bestandteil von «Mastering Digital Change» ist, erklärt André Golliez im Interview.

AutorSheila Karvounaki
Datum03.09.2018
Lesezeit8 Minuten

andre-golliez-big-data-open-dataManch einer mag den Begriff fast nicht mehr hören: Big Data. Doch tatsächlich gilt es sich noch viel stärker und insbesondere vertiefter mit dem Thema zu befassen. Denn bei Big Data geht es nicht alleine darum, Daten zu sammeln und sie für Marketing-Zwecke zu nutzen. Macht man sich ernsthafte Gedanken, landet man z.B. automatisch auch beim Thema Open Data und da hat das Mindset vieler noch einiges an Potenzial. Warum und in welche Richtung, erzählt André Golliez im Interview.

André Golliez sitzt im Impact Hub Zürich und strahlt eine freundliche Ruhe aus, die man auf Anhieb nicht von einem Big Data-Experten erwarten würde. Zu ihm führt uns sein Amt als Präsident des Vereins Opendata.ch und der Swiss Data Alliance, beides Vereine, deren Co-Gründer er auch ist. Als solcher steht er in engem Austausch mit Wirtschaft und Politik rund um das Thema Big Data und insbesondere Open Data und setzt sich für eine für eine konstruktive Datenpolitik und einen gemeinsamen vertrauenswürdigen Datenraum in der Schweiz ein.


André, «Big Data» – ein Hype-Begriff?

Nun ja, ich würde sagen, dass 2011/2012 durchaus ein Hype um den Begriff gemacht wurde. Ich selbst habe den Begriff damals zu vermeiden versucht und war ihm gegenüber eher polemisch eingestellt, weil ich ja für Open Data stehe. Nun haben aber Daten gegenüber anderen Hypes den Vorteil, dass sie mit 30 bis 50 Jahren eine durchaus lange Lebensdauer haben. Hinzu kommt, dass die Datenmenge weltweit exponentiell wächst und sich alle zwei Jahre mehr als verdoppelt. Im CERN allein sammeln sie pro Sekunde ein Terabyte an Daten. Die Frage ist, was wir mit all den Daten machen. Wir sind Meister im Extrahieren von Daten. Was deren Verwendung angeht, hinken wir aber noch stark hinterher. Von den generierten Daten wird rund ein Drittel gespeichert. Davon wiederum werden ca. 5% tatsächlich genutzt, wobei sich über deren sinnvolle Interpretation gleich wieder streiten lässt. Es gilt also, einen Weg zu finden, ein gemeinsames Verständnis darüber, was wir mit den generierten Daten als Gesellschaft tun wollen, wie wir sie nicht nur sammeln, sondern auch interpretieren und nutzen wollen. Womit wir eben auch bei der Open-Data-Diskussion landen. Big Data führt meines Erachtens unweigerlich immer auch zu Open Data und ist eigentlich einer Baustein davon.

Wie schätzt du die Situation in der Schweiz diesbezüglich ein?

Die Schweizer Wirtschaft ist noch relativ zögerlich, wenn es darum geht, sich Gedanken um Open Data zu machen. Es herrscht vielerorts noch die Angst vor «Datenklau» und der Konkurrenzgedanke. Es gibt jedoch bereits einige schöne Beispiele von Open Data, so z.B. von der Post, der SBB, der Stadt Zürich oder auch Swisscom. Grundsätzlich sind jedoch die Informationen darüber, wie die dort freigegebenen Daten genutzt werden, noch mangelhaft. Trendsetter in diesem Bereich sind sicher Finnland, Holland und England.

Ist in Zeiten von Cambridge Analytica die Open-Data-Diskussion nicht wie ein Stochern in der offenen Wunde?

Im Gegenteil! Die Geschichte mit Facebook und Cambridge Analytica zeigt glasklar auf, warum es höchste Zeit ist, dass wir uns Gedanken über unseren Umgang und den Zugang zu Daten machen. Dass wir dies bis anhin nicht getan haben, hat mit dazu beigetragen, dass eben einige wenige, grosse Player den Daten-Markt beherrschen und dadurch die Kontrollmacht haben. Dies gilt es zu ändern, indem wir insgesamt als Land aktiv mit dem Thema umgehen und auf breiter Ebene einen geeigneten Umgang damit entwickeln. Das hat viel mit Mindset zu tun, mit Wissen. Zurzeit sehen die verantwortlichen Stellen in Politik und Wirtschaft in der Schweiz das Thema grösstenteils noch nicht, doch das wird sich hoffentlich ändern.

Das Silo-Denken und das Gefühl der Bedrohung sind bis zu einem gewissen Punkt ja auch verständlich. Viele öffentliche Institutionen zum Beispiel generieren durch die vorhandenen Daten auch ihre Fachkompetenz, sprich würden diese teilweise abgeben, wenn sie ihre Daten teilen würden. Womit automatisch auch gewisse Job-Rollen in Frage gestellt würden. Deshalb gilt es gleichzeitig auch den Wandel von Arbeit und die Veränderung des Jobverständnisses zu thematisieren und zu bearbeiten, wenn man mit der Weiterentwicklung von Big bzw. Open Data beschäftigt ist.

Wer kümmert sich denn nun darum, dass das Thema weiter angestossen und bearbeitet wird in der Schweiz?

Derzeit sind es meist noch einzelne Personen, die daran arbeiten. Und dann gibt es ja noch uns, sprich die Swiss Data Alliance und den Verein opendata.ch :). Wir versuchen das Thema stetig in die Unternehmen und Gremien zu bringen und die Verantwortlichen darin zu unterstützen, sich nicht nur Gedanken darüber zu machen, sondern auch aktiv mögliche Lösungen zu erarbeiten. Wir wünschen uns, dass die Schweiz nicht einfach jeweils passiv mitzieht, sondern vielmehr vorne mitspielt und die Zukunft in diesem Bereich mitgestaltet.

Potenziellen Mitgliedern erklären wir immer wieder, dass eine Mitgliedschaft zum jetzigen Zeitpunkt den Vorteil hat, dass man noch wirklich mitreden und mitgestalten kann. Sind wir in ein paar Jahren weiter, werden sich Unternehmen, die erst dann dazustossen, einfach den Gegebenheiten anpassen müssen, heute können sie diese noch beeinflussen.

Wie sieht eure Vision konkret aus?

Uns schwebt ein «Swiss Data Space» vor. Dabei handelt es sich um eine flexible Kombination verschiedener Komponenten und Plattformen, die der Sammlung, Erschliessung, Aufbereitung, Sichtbarmachung, Dokumentation, Vernetzung («Linked Data»), Visualisierung, Nutzung und Aufbewahrung von Daten dient.

swiss-data-space

Dabei gilt es zwischen drei Arten von Data zu unterscheiden:

  • «Open Data» sind nicht auf Personen bezogene Daten, die ohne Einschränkungen benutzt werden können und in der Regel aus öffentlichen Verwaltungen, staatsnahen Betrieben oder aus öffentlich finanzierten Forschungsinstitutionen stammen.
  • «Shared Data» sind sensitive Daten, die nur unter eingeschränkten Bedingungen von einem ausgewählten Kreis von Anwendern genutzt werden können. «Data Sharing» kommt v.a. zwischen privaten Unternehmen oder zwischen privaten Unternehmen und der Verwaltung in Betracht.
  • «My Data» sind diejenigen personenbezogenen Daten, die ein Unternehmen oder eine Verwaltung der betroffenen Person zur Verfügung stellt, damit diese z.B. einfacher zu einem anderen Dienstleister wechseln kann, wie es in Artikel 20 der europäischen Datenschutzgrundverordnung vorgesehen ist (Datenübertragbarkeit).

Ein solcher Data Space entsteht natürlich nicht auf einen Schlag und erfordert Massnahmen auf politischer, rechtlicher, betriebswirtschaftlicher, technischer, finanzieller und kultureller Ebene. Wir arbeiten daran, die gemeinsame Vision und den Willen der beteiligten Unternehmen, Verwaltungen und Verbände anzukurbeln. Der Schweizer Datenraum soll mit einer langfristigen Perspektive entwickelt und betrieben werden – und zu einem gemeinsamen, vertrauenswürdigen Datenraum werden, der auf einer konstruktiven Datenpolitik basiert.

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