Einer muss sich immer plagen

Im Journalismus wird jeden Tag vorgelebt, was Content-Verantwortliche eigentlich auch tun sollten: effizient mit ansprechenden, mitreissenden, qualitativ hochstehenden Inhalten nachhaltigen Erfolg erzielen. Andi Wullschleger gibt uns 5 Tipps für mehr Aufmerksamkeit und Engagement bei Texten.

AutorAndi Wullschleger
Datum19.07.2018
Lesezeit10 Minuten

Blogbeitrag verfassen, Facebookpost planen, Instastory erweitern und noch kurz Pinterest kuratieren. Im Auftrag, guten und möglichst viel Inhalt zu produzieren, verlieren wir schnell einmal das Wesentliche aus den Augen: Die Rezipienten. Dabei laufen wir Gefahr, dass besonders Textprodukte im Rauschen des Internets untergehen. Hier sind 5 Tipps für mehr Aufmerksamkeit und Engagement bei Texten.

Ein paar Sekunden dauert es, danach ist die Aufmerksamkeit weg. Nur ein paar Sekunden bleiben uns, um die Leserinnen und Leser zu überzeugen, weiterzulesen. Einerseits verständlich: Wieso soll ich mich mit einem Text quälen, bei dem mich schon der Titel nicht angesprochen hat? Andererseits schade, weil wir uns wegen der vielen Reize, denen wir ausgesetzt sind, viel weniger mit Inhalten auseinandersetzen, die uns im ersten Augenblick nicht ansprechen. Moralkeule beiseite – als Content-Verantwortliche stellt uns die geringe Aufmerksamkeitsspanne unserer Rezipienten vor Herausforderungen.

Wie können wir unsere Inhalte schmackhafter machen? Wie können wir die Lesenden überzeugen, unsere Texte zu lesen? Genau diese Fragen stellen sich Journalisten seit Jahrzehnten Tag für Tag. Springen wir kurz zurück in die Zeit, als es noch kein ‹Online› gab und Zeitungen am Kiosk gekauft werden mussten. Nebeneinander aufgereiht, buhlen die Papiere um Käufer. Ob Boulevardblätter oder seriöse Zeitungen – sie alle wollten verkauft werden. Es war ein Rennen zwischen den Titeln, wer die beste Geschichte hatte und wer sie am besten präsentierte. Die Journalisten, welche die Zeitungen produzierten, verliessen sich dabei auf ihre Kompetenz, zu wissen, wie sich die Storys am besten verkaufen bzw. wie LeserInnen dazu «überredet» werden, die Story zu lesen.

Vom Journalismus lernen

Wir springen wieder zurück in die Gegenwart und merken: Viel geändert hat sich nicht. Klar, die Vertriebskanäle sind etwas moderner, das Angebot grösser und die Aufmerksamkeit kleiner. Aber im Grundsatz geht es immer noch um dasselbe. Wir wollen, dass unsere Texte gelesen werden. Und das klappt – auch in der heutigen Zeit! Hier sind fünf Tipps, wie wir Textprodukte ansprechender gestalten können. Dabei bedienen wir uns ungeniert der journalistischen Trickkiste. Wir müssen schliesslich das Rad nicht neu erfinden.

Tipp 1: Die kreative Themenfindung

Es geht nichts über die richtige Story. Wir können uns nämlich noch so Mühe geben bei der Formulierung und der Ausgestaltung des Texts, wenn wir über ein langweiliges Thema schreiben, haben wir auch keine LeserInnen. Deshalb: Ein ansprechendes Thema ist der halbe Text. Es bringt aber nichts, wenn wir uns vor den Computer setzen und auf Teufel komm raus ein tolles Thema finden möchten. Kreativität funktioniert nicht auf Knopfdruck. Bei einigen ist sie besonders aktiv unter der Dusche oder auf dem WC. Andere müssen sich bewegen und haben gute Ideen beim Spaziergang oder auf dem Velo. Kreativität ist etwas individuelles und es ist wichtig, dass man für sich selbst weiss, wie sie zum Vorschein kommt. Dabei haben wir aber alle etwas gemeinsam, das uns immer wieder in die Quere kommt: Ablenkung. Forscher haben herausgefunden, dass Kreativität mit Langeweile verknüpft ist. Langeweile kennen wir aber praktisch nicht mehr. Wir haben ja Twitter, Facebook, Candy Crush oder Tinder.

Schalten Sie deshalb einmal ab. Im Tram, im Zug, beim Gehen, auf dem Sofa oder wo auch immer. Lassen Sie das Handy in der Tasche und tun Sie einfach mal nichts für eine halbe Stunde. Ein unangenehmes Gefühl, gell? Versuchen Sie es. Lassen Sie Ihre Gedanken wandern und sich an alle Orte bringen, die Ihr Gehirn Ihnen zeigt. Das hört sich vielleicht etwas esoterisch an, doch Sie werden erstaunt sein über das Ergebnis. Jeden Tag etwas Langeweile, das sollte Ihre Devise sein.

Tipp 2: Die Bilder

Genug Langeweile, jetzt geht es ans Eingemachte. Lustigerweise ist das, was am meisten Aufmerksamkeit erzeugt bei Texten die Bebilderung. Studien haben gezeigt, dass bei Texten mit Bildern immer zuerst die Bilder angeschaut werden. Lassen Sie deshalb die Stockfotos lieber im Archiv und produzieren Sie Ihre eigenen Bilder. Legen Sie sich Ihre eigene Datenbank an. Stockfotos sind langweilig, entlarvend und meist nichtssagend. Die Qualität der Fotos ist dabei nicht mal so entscheidend. Naja, scharf sollten sie schon sein und etwas darauf erkennen sollte man auch.

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Sie schreiben etwas über Kaffeekonsum während der Arbeit. Bebildern möchten Sie dies mit Menschen, die im Pausenraum Kaffee trinken. Wahrscheinlich würden Sie auf der Stockfotoseite in weniger als 10 Sekunden eine passende Bebilderung finden. Ihr Text wäre doch aber viel authentischer, wenn Sie selbst bei Ihnen in der Organisation in den Pausenraum gehen, dort Mitarbeitende beim Kaffeetrinken fotografieren und vielleicht im Hintergrund noch das Firmenlogo steht. Probieren Sie aus, seien Sie erfinderisch – und kreativ!

Tipp 3: Der Titel

Nach dem Bild wandert das Auge der LeserIn zum Titel. Auch das bescheinigen Studien. Der Titel ist sozusagen das Tüpfchen auf dem Text. Gute Titel wecken Neugier, haben vielleicht ein Wortspiel, versprechen Antworten auf wichtige Fragen, haben bestenfalls Triggerwords eingebaut und machen Lust zum Weiterlesen. Seien Sie nicht scheu, bei anderen abzuschreiben. Besonders Serviceartikel laufen gut mit Titeln wie etwa: «Wie du gesünder leben kannst, ohne auf Schokolade zu verzichten.» Ob das geht? Egal, Sie verstehen, was ich meine. Passen Sie aber auf, dass sie nicht zu reisserisch texten und sich nicht in mühsamen Wortspielen verlieren. Abgucken lässt es sich übrigens auch bei Boulevardzeitungen gut – aber mit Vorsicht.

Tipp 4: Der Textanfang

Wir haben also ein ansprechendes Bild und einen tollen Titel. Wir haben die Leser dazu gebracht, weiterzulesen. Jetzt müssen wir auch unser Versprechen halten und einen interessanten Text liefern. Dabei ist der Textanfang genauso wichtig wie der Titel und das Bild. Er gibt den Lesenden bereits eine erste Belohnung und sagt ihnen: «Hier wirst du nicht enttäuscht!». Der Textanfang birgt zugleich viele Gefahren. Er muss die Rezipienten packen und zum Weiterlesen animieren.

Der perfekte Textanfang beinhaltet einen Cliffhanger und macht «gluschtig» auf mehr. Trotzdem muss er bereits ein Versprechen einlösen: Die wichtigsten Fragen teilweise klären. Um was geht es im Text? Was lerne ich als Leser? Auch stilistisch darf hier mit grossem Geschütz aufgefahren werden. Wie wäre es zum Beispiel mit einem szenischen Einstieg: «Ihr Gesicht verzog sich schlagartig zu einer Grimasse, als sie den ersten Schluck Kaffee nahm. ‹Die Milch ist hinüber!›, rief sie.»

Die Pflicht beim Textanfang ist es, die Leser in den Bann zu ziehen und zum Weiterlesen zu animieren. Die Kür: Den Bogen bis zum Schluss spannen. Im Idealfall greift der Schluss dann den Anfang wieder auf.

Tipp 5: Vermeiden von PR-Sprache

Es ist der Schreck aller Journalisten: Das PR-Gedöns. In etlichen Medienmitteilungen liest man Floskeln wie «aktive Strategien» oder «nachhaltige Personalpolitik». Zu häufig gelangen solche Verbrechen leider auch an die Öffentlichkeit. Vermeiden Sie solche PR-Sprache! Ihre Texte sollen authentisch sein und Vertrauen wecken. Dies schaffen Sie nur, wenn Sie Probleme beim Namen nennen und nicht um den heissen Brei reden. Schreiben Sie so, als würden Sie es einem Freund oder einer Freundin schreiben.

Zusatztipp: Überarbeiten! Überarbeiten! Überarbeiten!

Hat man den Text zu Ende geschrieben beginnt die Kleinarbeit. Überprüfen Sie ihn auf Fehler, auf Kongruenz und Stimmigkeiten. Überprüfen Sie Ihre Keywords. Überprüfen Sie Ihre Bildsprache, Ihren Titel und Ihren Textanfang.

Seien Sie streng mit sich selbst und denken Sie daran: «Einer muss sich immer plagen. Die Frage ist, ob der Schreiber oder der Leser.»
(Quelle: www.spiegel.de)

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Über den Autor

Andi Wullschleger

Andi Wullschleger hat über zehn Jahre als Journalist in Radio, Print- und Onlinemedien gearbeitet. Er ist Co-Autor und Herausgeber des Buchs «Wie die VBZ einmal einen Sexblog betrieben». Dort beschreibt er seine Arbeit bei westnetz.ch, eines der ersten hyperlokalen Quartierblogs Europas. Neben seiner journalistischen Tätigkeit hat er auch Erfahrung in der Konzeption und durchführung von Social-Media-Strategien sowie im Bereich der politischen und Finanz-PR. Sein Motto: Ohne Kommunikation keine Gesellschaft. Dieser Leitgedanke von Niklas Luhmann treibt Andi Wullschleger an, neue, effiziente und erfolgreiche Formen von Kommunikation zu finden, welche sich mit traditionellen Mitteln verbinden lassen.