SOMEXCLOUD goes re:publica 2016 – Tag 2

AutorSheila Karvounaki Marti
Datum05.05.2016
Lesezeit7 Minuten

Ganz dem Wissen einer re:publica-Wiederholungstäterin folgend bin ich am zweiten re:publica-Tag ohne allzu detaillierte Planung zur Station Berlin gepilgert. Dazu muss ich, dem glücklichen Zufall sei Dank, jeweils einfach nur durch den Gleisdreieck-Park laufen, ein schöner kleiner Spaziergang jeweils.

Angekommen zeigte sich ein ähnliches Bild wie am Vortag: Viele Leute überall und reges Gehen und Stehen. Es wurde, wie sich das gehört, diskutiert, genetzwerkt und Wissen ausgetauscht – zuweilen auch einfach die Sonne genossen.

Viral! Die Macht des Storytelling

Als erstes trug es mich zu Stage 6, wo Bernhard Pöksen seinen Vortrag „Viral! Die Macht des Storytelling“ hielt. Pöksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen und ein hervorragender Redner – an dieser Stelle ein grosses „Bravo!“. Sein Vortrag war souverän, locker, von hochstehendem Sprachgebrauch, amüsant, spannend und perfekt im Aufbau: Eben richtig gutes Storytelling.

Folgt man Pöksen, so sind wir „story animals“ und das Ziel beim Storytelling sollte sein, mittels weniger, gezielt gewählter Hinweise das Gegenüber die Geschichte leben zu lassen, in die Geschichte mit reinzuziehen. Wobei es zu bedenken gibt, dass nicht unbedingt jede_r auch zum Teil einer Geschichte gemacht werden will.

Guten Geschichten, so Pöksen, bedienen einerseits archetypische Bilder und erzählen andererseits mehr, als die Geschichte selbst. Sie handeln nicht unbedingt nur von Menschen, beinhalten aber immer ein starkes Symbol und lassen Leerstellen für die Phantasie, lassen Raum. So wie es z.B. Hemingway tat, als er der Wette folgend, wer am Tisch die beste aber zugleich kürzeste Geschichte erzählen könne, folgenden Satz auf eine Serviette schrieb: „For sale, babyshoes, never used“.

Natürlich gibt es im bzw. für gutes Storytelling auch Gefahren. So z.B. die plötzliche Dominanz von einer Geschichte. Das liegt, so Pöksen, daran, dass die Erfolgsmessung in der digitalen Welt so perfekt ist, dass nur noch Hypes weitertradiert werden. Dies hängt auch mit der Kommerzialisierung sowie der postmodernen Erregungsindustrie und der Reichweitengier zusammen. Nicht zu vergessen das Storytelling im Modus des Superlativs und die Hysterisierung, wie es Pöksen aufzählt.

Seine Empfehlung zum Abschluss: Kümmert euch um die Integrität eurer Geschichten, jede_r für sich.

Designing Humanity

Als nächstes – eigentlich auf der Suche nach der Lightning Session Nr. 2 – blieb ich auf Stage 1 hängen. Da referierte John Fass, „Designing Humanity“ lautete sein Vortrag. Und obschon ich mit Design wenig zu tun habe, kann ich nur empfehlen, sich seinen Vortrag anzuschauen (er gehört zu denen, die aufgezeichnet wurden). Er zeigte auf, inwieweit Design Interfaces die Nutzenden lenken und plädierte dafür, dass deshalb die Designer viel stärker ihre ethische und moralische Verantwortung wahrnehmen sollten. Für ihn steht fest, dass im Design Prozess der Marketing-Gedanke nicht an vorderster Stelle stehen sollte, weil das digitale Leben auch das Leben ist und somit einen moralischen Rahmen braucht. Sein Plädoyer zum Schluss war entsprechend klar: „Consider the implications!“.

The Shape of Things to Come

Um den Einfluss von auf Menschen durch „Digitales“ ging es dann auch im nächsten Vortrag, den ich besucht habe. Jeff Kowalski referierte da zu „The Shape of Things to Come“. Auch dies eigentlich ein eher design-orientierter Vortrag, aber auch dieser äusserst spannend.

Menschen entwerfen und stellen Tools her, um ihr Leben zu gestalten, so Kowalski. Tools gestalten jedoch auch uns bzw. unser Leben und obschon wir die digitale Welt haben kreiert haben, beeinflusst sie unser Leben immer mehr. Beispiele dafür sind unter anderem Netflix oder auch Uber. Beide haben jeweils einen ganzen Markt verändert und damit auch unseren Umgang damit.

Im Laufe der Zeit ist entsprechend eine Transformation unserer Erwartungen an Tools notwendig. Wir sollten Tools so quasi loslassen. Es erscheint mittlerweile viel sinnvoller, nicht mehr ein ganzes Tools zu entwerfen sondern viel eher dem Konzept des „Generative Design“ Platz zu machen. Dabei legt der Mensch nur noch bestimmte Kriterien des zu entwerfenden Tools oder Produktes fest und überlässt den Entwurf, das Designen einem Algorithmus. Dieser ist, anders als der menschliche Geist, beim Entwerfen viel freier, wird nicht von bestehenden Vorstellungen gelenkt und eingeschränkt. Womit wiederum das Ergebnis des Design-Prozesses freier ist und die Form der Dinge einzig im Sinne der angesteuerten Funktionalität entworfen wird. Beispiele dafür gibt es bereits einige, von Flugdrohnen, Fahrzeugen über Bauteile von Flugzeugen.

Was angebracht ist, so Kowalski, ist eine Transformation unserer Werte: Von disconnected zu connected, von starr zu fluid, von Extraktion zu Aggregation. So wird am Ende, so Kowalski, um auf den Titel seines Vortrages zurückzukommen, das Entworfene auch künftig nichts anderes als die Form von uns selbst haben.

Die Schweizer_innen an der re:publica

Noch etwas benommen von diesen ganzen futuristischen Gedanken und Bildern, folgte ich dann dem Ruf von SOMEXpertin Barbara Schwede. Geladen wurde zum jährlichen gemeinsamen Essen der Gruppe „Schweizer_innen an der re:publica“ und dieses Jahr erschienen 60 Personen. Barbara führte die Gruppe in die wunderbar authentische Bar Raval, eine spanische Tapas-Bar. Das Essen war lecker, der Wein mundete und anders als oft unterstellt, waren die anwesenden Schweizer_innen eine lebendige, lustige und durchaus lautstarke Truppe. Ein grosses Dankeschön für die Organisation und bis zum nächsten Mal, wir freuen uns! An dieser Stelle nicht zu vergessen auch ein grosses Dankeschön an Mike Flam, der es als Hofphotograph der Gruppe auch dieses Jahr geschafft hat, ein wunderbares Bild zu schiessen:

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Sheila Karvounaki Marti