The Power of the Crowd oder warum man auch als Ameise viel erreichen kann
AutorTeilnehmer_in - Bojan Brunner
Datum01.09.2015
Lesezeit4 Minuten

Vor kurzem war die Crowdsourcing-Idee in der Schweiz einem kleinen Shitstorm ausgesetzt. Die Sängerin Anna Rossinelli, bekannt durch ihren eher unrühmlichen Auftritt am ESC, wollte sich einen Teil ihrer dreimonatigen Inspirationsreise durch die USA mit anschliessender Aufnahme eines Albums über die Crowdfunding-Plattform wemakeit.com finanzieren. Der Aufschrei war enorm, zumindest unter der 20Minuten-Leserschaft. Sie solle doch arbeiten gehen, wie alle anderen auch, um sich ihre Ferien zu verdienen und nicht frech ihre Fans anpumpen! Dies der Grundton der überwiegenden Mehrheit der Kommentare.

Was ist Crowdsourcing?

Wie gut oder überrissen man das Vorhaben von Frau Rossinelli auch findet, Crowdfunding bedeutet nicht, dass man die eigene Bequemlichkeit oder Ideenlosigkeit an die Allgemeinheit überwälzt. Das Finanzieren eigener Projekte ist lediglich ein Teilaspekt der viel grösseren Bewegung genannt Crowdsourcing. Dieses “Anzapfen” der Masse kann man als das Instrument einer Revolution unserer bisherigen Denk- und Arbeitsweise bezeichnen. Open Innovation lautet das Stichwort und der Grundgedanke davon ist, dass sich jede_r an der Kreation von Innovationen beteiligt. Denn im Schwarm kommt das gesammelte Wissen und Können von vielen zusammen, anstatt von ein paar wenigen. Und was ein Teil des Schwarms selbst kreiert, hat oft auch bessere Aussichten vom Rest des Schwarms gemocht zu werden. Da spielt Selbstlosigkeit nur bedingt hinein, denn jede_r, die_der mitmacht, erhält auch etwas zurück. Im Falle von Anna Rossinelli erhalten die Unterstützenden je nach Betrag eine Postkarte aus Amerika, signierte Alben oder gar ein Privatkonzert.

Wo wird es angewendet?

Die Möglichkeiten zur Anwendung von Crowdsourcing sind beinahe grenzenlos. Zum Beispiel Designvorschläge, Investitionen, das Sammeln von Ideen und Wissen, gemeinsames Arbeiten, all das und mehr kann über die Crowd erreicht werden. Die Wissensplattform Wikipedia ist wahrscheinlich das bekannteste und grösste Crowdsourcing-Projekt. Viele grosse Unternehmen machen sich das Prinzip bei der Entwicklung neuer Produkte zu Nutze. Bei Unilever beispielsweise stammen über 30% der Produktneuheiten aus Ideen von Kundinnen und Kunden. Auch die Migros ist mit “von Kunden entwickelten” Produkten sehr erfolgreich. Auf der eigens geschaffenen Migipedia-Webseite können Kundinnen und Kunden Ideen und Verbesserungsvorschläge einbringen. Für viele Erfinder und Ingenieurinnen sind Kickstarter und andere Crowdfunding-Plattformen oft der einzige Weg, um an Mittel zur Verwirklichung ihrer Ideen zu kommen. Etliche Innovation wie zum Beispiel The Micro, der erste 3D-Drucker für zuhause, konnten so viel schneller und effizienter realisiert werden, als über die langsamen, oft frustrierenden herkömmlichen Kapitalbeschaffungswege. Für 2015 rechnen Analysten mit über 34 Milliarden US-Dollar, welche weltweit über die Crowd zur Finanzierung von Projekten gesammelt werden.

Zahlt die Crowd mein neues Auto?

So schön dies klingt, auch beim Crowdsourcing will einiges bedacht sein. Etwa 60% der Kickstarter-Kampagnen erreichen ihr Ziel nicht. Denn ein solches Projekt bedarf cleverer Kommunikation und die Idee dahinter muss den Menschen einen echten Mehrwert bieten. Bei vielen Unternehmen scheitern Crowdsourcing-Initiativen an der internen Kultur oder an der undurchdachten Ausgestaltung des Vorgehens. Wie bei den meisten Social Initiatives bieten sich wunderbare Möglichkeiten, aber die Herangehensweise will gut überlegt sein, denn die User lassen sich nicht einfach mit leeren Versprechungen abspeisen und erwarten für ihren Einsatz auch etwas zurück. Ziemlich sicher mehr als ein signiertes Foto von mir und meinem neuen Auto.

PS. Ich bin gar kein Fan von Anna Rossinelli, aber ich liebe die Chilbi-Glacé der Migros!


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